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Berlin, Waldbühne, Muse

Als ich Berlin am Vorabend aus Richtung Potsdam erreiche, weht ein mildes Lüftchen und die Abendsonne taucht alles in ein nahezu unerträglich romantisches Licht. Der Wannsee lädt im vorbeifahren dazu ein, das „Haus am See“ aus Peter Fox‘ Song auf der Stelle zu bauen, zu beziehen und für immer dort zu bleiben. Leider muss man auf der zitierten CD nur einen Track zurück gehen, um zu erfahren, dass Berlin auch andere Attribute wie hässlich, dreckig und grau verkörpern kann, und zwar mit Inbrunst. Damit wären wir am Sonntag morgen.

In diesen Augenblicken landet Maria in Schönefeld. Übermüdung sowie überbordende Freude, den Fesseln des Auslanddatenroamings endlich entkommen zu sein, verschaffen ihr schmerzhafte Bekanntschaft mit einer besonders unfreundlichen Treppe.

Zeitgleich gelingt es mir selbst unter Aufwendung von Google Maps nicht, in Friedrichshain eine Bäckerei zu verfehlen. Ich verschaffe mir mit dem ungefragt entliehenen Schlüssel Wiedereintritt zu den Gemächern meiner Gastgeber und lerne wenig später deren Türklingel kennen. Sie erhält den Ehrenpreis der Robert Moog Stiftung für die nervigste Sägezahnwellenform des Jahrzehnts.

Das alles klingt so, als könne es kein schöner Tag werden? Dann ändern wir das. Frühstück, je nach Gusto Mittagsschlaf oder ein Spaziergang, und schon sieht die Welt ganz anders aus. Nicht nur deswegen, weil jetzt eine Wackelblume und eine Winkekatze auf dem Couchtisch stehen.

Hohn und Spott ergossen sich in den letzten Jahren über die Berliner S-Bahn. Linie S5 verrichtet ihren Job heute allerdings zu unserer Zufriedenheit und bringt uns zur Haltestelle Pichelsberg, wo nahezu alle Fahrgäste aussteigen. Bei denen, die sich offensichtlich in Muse-Devotionalien gewandet haben, verwundert das auch nicht, denn von hier führt ein verschlungener Pfad zur Waldbühne, dem Ort des Geschehens.

Dort verkaufe ich meinen Kartenüberhang an eine junge Portugiesin und Maria und ich gehen bei einem Bier zum günstigen Straßenverkaufspreis noch mal kurz in Klausur.

Es ist mein erster Besuch auf der Waldbühne, und nachdem ich mir im Vorfeld Fotos angesehen hatte, überrascht mich, wie steil die Ränge nach unten führen. Selbst auf dem Rundgang ganz oben könnte man dem Konzert beiwohnen, ohne das Gefühl zu haben, völlig veräppelt worden zu sein – die Anlage ist kompakt und fasst doch bis zu 22.000 Menschen.

In einer halben Stunde sollen Biffy Clyro den Abend eröffnen, von oben sieht es im Innenraum noch ziemlich entspannt aus, also beginnen wir den Abstieg. Auf dem Rundgang oberhalb des ersten Ranges erfahren wir dann auch, warum es so entspannt aussieht: die Ordner lassen niemand mehr in den Innenraum hinein.

Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Tatsache, dass mein Gegenüber sich nur als Büttel einer übergeordneten Hierarchie versteht, versuche ich mich kurz in argumentativem Durchbrechen der Bannmeile. Was denn wäre, wenn nach Biffy Clyro deren Fans samt und sonders den Innenraum verließen – das sähe dann doch ziemlich blöd aus. Den Einwand, dies sei ob der Bekanntheit des Hauptacts doch recht unwahrscheinlich, lasse ich nicht gelten, es aber dennoch dabei bewenden und wir treten nach rechts ab.

Handgemessene 4933cm weiter findet sich neben einer Beleuchterkabine ein weiterer Durchgang, der in den Innenraum hinunter führt. Eine einzelne, hier postierte Dame in Warnweste spielt mit ihrem Handy und macht keine Anstalten, uns den Durchgang zu verweigern. Da stehen wir also, nur wenige Meter von der Bühne entfernt, richten unser Blicke nach oben, zählen sechs Aufgänge, die von Ordnern mit Absperrketten bewacht werden, und „glauben es jetzt gerade nicht“ (H.P. Kerkeling).

Wer einmal im Innenraum drin ist, bekommt beim rausgehen einen Stempel. Ich bin nicht sicher, ob die Ordner, die mir keine Stunde zuvor den Zutritt verweigerten, sich nun wundern, als sie mir „Eilt sehr“ auf den Handrücken drucken. Vermutlich nicht, denn sie haben ja in der Zwischenzeit noch hunderte andere Besucher zurückweisen müssen. Dennoch kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. [1]

Hinter mir spielen Biffy Clyro bereits auf, aber diesen Teil spulen wir schnell vor. Ich habe die Band jetzt drei Mal gesehen und bin jedes Mal wieder von ihrer offenkundigen und totalen Unfähigkeit, die Brillanz ihrer Tonträger auf die Bühne zu bringen, gleichermaßen überrascht wie enttäuscht. Die eigentlich dreiköpfige Band lässt sich live von einem Keyboarder und einem zweiten Gitarristen unterstützen, aber wenn zwei Gitarren und eine Orgel volle Breitseite die gleichen Akkorde spielen, was soll dabei anderes herauskommen, als Brei? Immerhin präsentieren sie ihr akustisches Mus in rhythmischer Perfektion.

Nicht nur die Waldbühne stammt aus den 1920er Jahren, auch das sanitäre Konzept ist seither nicht mehr angepasst worden. Das hat insbesondere zur Folge, dass die Situation vor den Damentoiletten nach der Vorband völlig eskaliert und Maria so den Auftakt von Muse verpasst.

Auf den Leinwänden beginnt das Video zu „The 2nd Law: Unsustainable“ zu spielen. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet. „An economy based on endless growth is unsustainable“, sagt die Nachrichtensprecherin, und dann beginnen Muse mit „Supremacy“, dem Opener des aktuellen Albums, dessen erste Note von einem gigantischen Feuerball in unsere Ohren eskortiert wird, der aus der Mitte des Stegs empor steigt. Halleluja, darauf war ich nicht vorbereitet, meine linke Wange fühlt noch eine ganze weile ziemlich heiß an.

Muse halten sich an diesem Abend nicht groß mit Publikumsansprachen auf. Am Ende eines jeden Songs kommen fleißige Roadies von den Seiten auf die Bühne gehuscht, um die Saiteninstrumente der Herren Bellamy und Wolstenholme auszutauschen. Letzterer spielt an diesem Abend einen ganzen Kanon von Bässen, alle haben sie leuchtende Inlays, mal rot, mal grün, mal blau, mal weiß. Herr Bellamy kommt auch mit erfrischend wenigen Gitarren und vor allem nur einem einzigen, in ein verspiegeltes Gehäuse verkleideten Verstärker aus. Ich mag das, Materialschlachten und meterhohe Boxentürme mögen ein hübsches Show-Element sein, aber es beeindruckt mich um so mehr, wenn ein Musiker mehr aus einem Instrument herausholt, anstatt es ständig zu wechseln.

Im Textfluss ist jetzt eine viel zu lange Pause entstanden, denn eigentlich befinden sich Muse schon längst mitten in „Panic Station“ und auf den Leinwänden tanzen Avatare von Hollande, Merkel, Putin und Obama. Dies ist der Moment, in dem Maria es zurück vor die Bühne schafft.

Von diesem Einstand noch nicht ganz erholt folgen „Supermassive Black Hole“ und dann „Bliss“. Spätestens jetzt bin ich wieder auf dem Pretty Day, mittwoch abends im Theatercafe, singe mir die Seele aus dem Leib und heule Rotz und Wasser vor Glück. Das wundert mich nicht, ich habe bis jetzt bei jedem einzelnen Muse-Album an irgendeiner Stelle vor Verzückung weinen müssen.

Muse haben ganz offensichtlich nicht vor, mich heute Abend noch mal aus dieser emotionalen Fessel zu entlassen. Sie schicken „Resistance“ und „Hysteria“ hinterher und fahren dann das Tempo etwas herunter: „Animals“ vom aktuellen Album steht auf dem Programm. Auf den Leinwänden fiese Banker, die noch fieser grinsen und mit Geld um sich werfen, und plötzlich steht genau jener Unsympath leibhaftig auf der Bühne und schmeißt bündelweise Scheine ins Publikum, wie besessen, lacht, geifert und stirbt im Crescendo des Songs einen theatralischen Tod mitten auf dem Steg. Hat irgendwer gesagt, Muse wären unpolitisch?

Chris Wolstenholme tritt vor und spielt dem verstorbenen das Lied vom Tod auf der Mundharmonika. Nach den ersten Tönen wirft er das Instrument ins Publikum, greift eine neue aus seiner Tasche und spielt weiter. Er scheint das häufiger zu machen, Maria weist mich auf ein „Chris, give me your Harmonica“-Poster hin, das rechts von uns hochgehalten wird.

Ich hatte mir die Setlisten der vorangegangenen Konzerte angesehen und treffe daher völlig unvorbereitet auf das, was nun kommt. „Knights Of Cydonia“. Oh wie fantastisch, oh wie wunderbar, der Übersong schlechthin, den Schlagzeuger Dom Howard angeblich so ungern spielen mag, weil er so anstrengend sei. Das ist er wahrhaftig, denn ich sehe mich gezwungen, das ganze Stück zu hüpfen bzw. nach der Stelle, die man als Breakdown bezeichnen könnte und in der das Publikum das Absingen des an Queen gemahnenden Chorus‘ übernimmt, zu springen wie ein Irrer. Muss ein, man sieht Muse ja nicht jede Woche.

Dann erstmal wieder durchatmen zu „Feeling Good“, zu dem sich Matt Bellamy ans Klavier begibt und ich mir die dramaturgische Freiheit nehme, an dieser Stelle zu verraten, dass Muse live zu viert sind: Morgan Nicholls versteckt sich hinter einer gehörigen Portion Bühndendeko und sorgt an Keyboards, Gitarren und zahlreichen anderen Instrumenten dafür, dass Muse ihren oftmals pompösen Studioversionen auch live in nichts nachstehen. Im direkten Vergleich zur Vorband interessant, wie ein Musiker eine Band kolossal aufwerten kann, während zwei andere Musiker den ganzen Sound völlig überladen und überfrachten können.

Dann gibt es „Follow Me“, eine der letzten Singles, die ohne die viel diskutierten Dubstep-Elemente daherkommt und für Herrn Mensing ist es mal wieder an der Zeit, völlig die Fassung zu verlieren, denn Bellamy widmet den Song seinem Sohn und ich denke an meine beiden Jungs und wie fantastisch sie sind und da laufen sie wieder, diese salzigen Tropfen, die direkt aus meinen Augen kommen.

Emotionale Abkühlung verschafft „Liquid State“, in dem der Bassist von seiner überwundenen Alkoholsucht singt, und auch „Madness“ lässt sich vorzüglich genießen, ohne sich körperlich zu verausgaben. Matt Bellamy trägt dazu eine Sonnenbrille, in deren Gläsern die Texte des Songs über zwei Bildschirme wabern. Auch Geeks kommen so auf ihre Kosten.

„Time Is Running Out“ leitet eine erneute Zeitreise ein, die sich mit „Stockholm Syndrome“ im Tempo steigert und die Sprunggelenke erneut herausfordert. Und dann drehen sie die Uhr noch weiter zurück: der Bassist darf zu „Unintended“ die Gitarre spielen, und aus den ganz vorderen Reihen klingt es bei diesem leisen Song so, als bekäme Matt Bellamy gerade eine ganze Menge Heiratsanträge.

Mit diesem Song haben sich Muse auf der B-Stage eingefunden. Ein Begriff, den ich auch erst im Nachgang dieses Abends lernte, es bedeutet nicht mehr, als dass sich die Band an der Spitze des Stegs versammelt und dort mit einem kleinen Set ein paar Songs zum besten gibt. Für Schlagzeuger Dom Howard ist dafür ein glitzerndes E-Drum-Set aus dem Boden empor gefahren, dass er im Stehen spielt. Jede Trommel blinkt, wenn er sie spielt. Ich bin hingerissen.

Von eben jenem Ort hören wir „Guiding Light“ und „Undisclosed Desires“, bevor die Band sich von der Bühne verabschiedet, im Hintergrund beginnt allerdings schon wieder „The 2nd Law: Unsustainable“ und so ist allen klar, das der Abend noch nicht gelaufen ist. Im Gegenteil, auf dem zweiten Rang schiebt sich der Roboter aus dem zugehörigen Musikvideo ins Publikum und versprüht reichlich Dampf. Unbekannten Quellen zufolge heißt er Charles. Ich schätze ihn auf 10m.

Diesmal folgt dem Prolog auch tatsächlich jener Song, der, als damals der Teaser veröffentlicht wurde, für viele Spekulationen sorgte: machen Muse jetzt Dubstep? Gelegenheit für Matt Bellamy, mal zu zeigen, was man aus einer Gitarre mit integriertem Korg Kaos Pad alles für kranke Sounds rausholen kann. Es kracht und wummst. Wenn Dubstep jemals für Gitarre gedacht gewesen wäre, dann kommt das hier der Sache sehr nahe.

In die nachhallende Kakophonie verschiedenster, digitaler Rückkopplungen spielt Matt ein paar Tonfolgen, die Erinnerungen wecken. Maria sagt, wie schön es doch wäre, wenn sie jetzt noch „Plug In Baby“ spielten. Ja, es waren genau diese Erinnerungen.

Direkt im Anschluss „Survival“ – wie sympathisch, dass die Briten einen derartig unangepassten und pompösen Song zum offiziellen Lied der olympischen Sommerspiele gemacht haben. Hier in Deutschland würde ohne Zweifel Dieter Bohlen mit so einem Auftrag betraut und dann müsste ich auswandern.

Die Klänge von „The 2nd Law: Isolated System“ lassen uns auch nach diesem Stück hoffen, dass es noch was obendrauf gibt. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber ich glaube, an dieser Stelle schmeißt Matt seine Gitarre in den Flügel, und die Rückkopplungen beider Instrumente vereinen sich zu ganz vergnüglichem Lärm. So viel Rebellion können die Roadies nicht ertragen, im Dunkeln kommt sofort einer herangehuscht, holt die Gitarre aus dem Klavier und klappt letzteres wieder auf. Muss ja alles seine Ordnung haben!

Muse kommen nun mehr oder weniger komplett in rot gekleidet zurück auf die Bühne und spielen „Uprising“. Könnte der Song je aktueller sein als in Zeiten, in denen Whistleblower wie Snowden und Manning internationale Überwachung aufdecken?

„They will not force us,
they will stop degrading us,
they will not control us,
we will be victorious!“

klingt es aus abertausdenden Kehlen in den Berliner Nachthimmel. Ich hoffe mal, das stimmt dann auch so.

Und dann: „Starlight“. Als ich Muse das letzte Mal sah, war meine Freundin frisch aus einem fast einjährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und die Zeilen „Hold you in my arms, I just wanted to hold you in my arms“ haben seither eine ganz besondere Bedeutung für mich.

Es ist der letzte Song, wie passend, dass die emotionalen Fesseln noch mal auf Anschlag festgezogen werden. Heiß kullern mir die Tränen über die Wangen. Danke. Ende.

Wir sitzen auf den Rängen, während alle Welt schon zu den Ausgängen drängt. Was wollen die alle so schnell da draußen, frage ich mich? Ich muss sowieso erstmal sacken lassen, aber es ist noch ein Mal Zeit für die Ordnungsmacht in orangenen Warnwesten, sich von ihrer besten Seite zu zeigen: humorlos fordern sie uns auf, jetzt sofort zu gehen. Wir verlegen das Sacken lassen daher auf die Straße vor die Waldbühne.

Die S5 nimmt uns wieder mit zurück, am Ostkreuz tanzt die Berliner Partyjugend den Harlem Shake. Ein freundlicher Herr macht uns zu später Stunde noch köstliche Speisen, dann ist Bettruhe angesagt.

Ich wünsche mir, dass Muse noch lange so weiter macht. Ich brauche mehr davon!

[1] Ich habe mal versucht, auf einem Konzert, wo Freunde von mir spielten, in den Backstage-Bereich zu kommen, wurde aber von einem sichtlich durch seine Machtposition befriedigten Ordner abgewiesen. Später am Abend gelang es mir und ein paar anderen, den Veranstaltungsort seitlich über ein offenes Fenster im Catering-Bereich zu entern und von dort unter Mitnahme zweier Flaschen Sekt in den Backstage zu kommen, den wir wenig später wieder verließen und dabei jenen Ordner nett grüßten. Er war stinksauer. Unsere Strafe folgte auf den Fuß, wir hatten in der Eile lieblichen Sekt geklaut.

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An de Aap

Mal wieder in der Deutschen Bahn, bei meinem liebsten Hobby: Strom klauen. Nachdem ich bereits das Mobiltelefon bis zum Rand voll mit positiver Shanti Shanti Energie geladen habe, fülle ich nun auch noch den Akku meines Tablet PCs.

Auf dieser Strecke, das hat mir ein eisenbahnbegeisterter Twitterkontakt verraten, gibt es eine Baustelle, die Potential für bis zu dreißig Minuten Verspätung bietet. Sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt gab es daher vorsorglich Joghurt-Knusperkissen, um die Fahrgäste milde zu stimmen.

Allerdings scheint es auch so zu sein, dass der Zeitplan meines aktuellen Zuges es locker zulässt, in Wolfsburg eine Viertelstunde auf einen verspäteten ICE zu warten. Man werde so fahren, dass man bis Hannover wieder im Zeitplan sei, kam es kurz und knapp aus den Lautsprechern. Ja, wenn das geht, dann fahrt doch bitte so, dass ihr gleich eine ganze Stunde zu früh ankommt, ginge das nicht auch? Offenbar ist da ja noch Luft nach oben und der Zug ist auch nicht voll besetzt, also holt alles aus den Kesseln!

Ich befand mich aus sportlichen Gründen in Berlin. Die sechste Weltmeisterschaft im Affentennis wurde ausgetragen, und Jan Patat schied glorreich in der Vorrunde aus. Schuld daran war eine einzige Partie, in der ich den Auftakt gewann, dann jedoch durch zwei überdurchschnittliche Würfe hoffnungslos abgehängt wurde. Ziemlich sauer war ich, jawohl.

Aber so hatte ich den Montag über immerhin Zeit, Herrn Midimechanics und seine Familie mal in ihrem natürlichen Habitat zu besuchen und einen Club Mate am Müggelsee zu trinken. Am Nachmittag stand ich dann mühelos rechtzeitig zu den Halbfinals wieder auf dem Court.

Während der selbsternannte Musikschnittstellenmechaniker in einer sehr hübschen, aufwändig selbst renovierten Wohnung residiert, war meine Unterkunft, für die ich trotz der folgenden Ausführungen dankbar bin, eine WG in Neukölln, für die Miete zu verlangen eigentlich per Gesetz verboten sein sollte. Man mag streiten, an welchem Punkt im sozialistischen Altbau Charme und Renovierungsnotwendigkeit einander begegnen, hier jedoch stand dies außer Frage. Wenngleich sich die Bewohner allerdings auch offensichtlich nicht besonders viel Mühe geben, die Missstände ihrer Behausung in irgendeiner Weise innenarchitektonisch auszugleichen.

Es gehört zum Affentennis wie die drei Kilo Nudeln am Abend einer Tour de France Etappe für Lance Armstrong, den eigenen Alkoholpegel hochzuhalten, ja wenn nicht sogar noch weiteren, nicht näher benannten, dem Verfasser dieser Zeilen jedoch wohlbekannten Drogen zuzusprechen.

Obgleich auch ich dem ein oder anderen frischen Pils aus der originalen Springbrunnenkühlung gegenüber nicht abgeneigt war, war ich nicht gewillt, gleich die ganze Nacht durch zu machen, und nachdem sich das Glas eines Spielers, der später im Gegensatz zu mir noch die Endrunde erreichen sollte, am Samstag Abend wie von selbst füllte, und zwar mit dem selben Inhalt, den es zuvor enthalten hatte, nicht etwa mit dem gleichen, hatte ich genug und ich verließ das Schlawinchen, wo man eingekehrt war, um bei wenig Sauerstoff und schlechter Musik laut zu sein.

Und da ich darüber hinaus einen gewissen papabedingten Aufwachrhythmus mein Eigen nenne, hatte ich spätestens in der zweiten Nacht kaum Lust, wieder so alt zu werden, in dessen Folge ich mich mit dem Schlüssel zur vorgenannten WG in der M29 wieder fand und unter den Augen zahlreicher junger Männer mit Migrationshintergrund mit Frikadellenbrötchen transatlantischer Provinienz die Sonnenallee hinaus preschte, in die richtige Straße einbog, nachdem ich zuvor ausgestiegen war, nicht, dass hier jemand denkt, ich hätte den Bus selbst gefahren, und dort ein paar Minuten versuchte, das falsche Haus aufzuschließen. Wenige Minuten später im richtigen Block stand ich vor dem Problem, dass manche Schlösser in ostberliner Altbauten andersherum geöffnet werden, als es der Wessi gewohnt ist, aber darauf war ich vorbereitet. Dumm nur, dass gar nicht abgeschlossen war und ich die Tür zunächst selbst verschloss, bevor sie dann nicht auf ging und ich das Ganze rückgängig machen konnte.

Als ich auf meiner Isomatte lag, war es doch schon wieder zwei Uhr geworden, aber als mein Handy klingelte und der Gastgeber Einlass in seine eigene Wohnung verlangte, schien die Sonne und es war kurz vor sieben. Die anderen seien immer noch Dart Spielen, gab er zu Protokoll, bevor er nahezu augenblicklich einschlief.

Als ich heute Nachmittag Friedrichshagen verließ, war ich um ein Gepäckstück reicher: eine Babyschale, passend für einen Kinderwagen, der bei uns zwar inzwischen ausrangiert scheint, aber mit diesem Zubehörteil aufgewertet ja vielleicht noch mal einen ganz guten Preis auf dem Second Hand Markt bringen könnte.

Noch ist mir schleierhaft, wie ich die klobige, wenn auch nicht allzu schwere Schale gleich vom Hauptbahnhof in die autofreie Siedlung bekomme, jedoch werde ich dieses Problem nicht jetzt bearbeitet, sondern ad hoc, just in Time, in situ.

Mein Zug hat mal wieder gehalten, wegen hohen Betriebsaufkommes sagt die Stimme aus den Lautsprechern. Müßig zu fragen, ob der Bahn nicht eigentlich im Vorhinein klar sein müsste, dass sowas passiert, wo doch die Züge alle nach Fahrplan fahren?

Ich probiere nun, diesen Artikel hochzuladen. Wenn ihr ihn lest, hat es geklappt.

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Möwe

Ich sitze irgendwo in Kreuzberg und habe den Möwenhelm auf. Große Städte faszinieren mich. Ich mag den Moment, an dem die staatliche Ordnung scheinbar verschwindet und dem Kiez weicht.

Ich würde meine kleine, beschauliche Heimat dafür wohl nicht verlassen, aber für den Moment ist es sehr reizvoll, das unkontrollierte, anarchisch organische dieser Stadt.

Randnotiz: drei Stockwerke (mit hohen Decken) in Berlin entsprechen fünf Stockwerken in Münster. Mindestens.

Mein sportlicher Erfolg bisher: ein Sieg, eine Niederlage. Morgen noch zwei Spiele. I’ll keep you covered.

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