Die liebe Nachbarschaft

Seit über vier Monaten organisieren die Eltern von sechs Kindern gemeinsam eine Spielgruppe. Die Raumsuche gestaltete sich daher sehr schwierig, schließlich wählten wir das Café Geistreich, den Bewohnertreff im Erdgeschoss des Hauses, in dem wir selbst wohnen.

Seitens des Bewohnervereins bot man uns sogar an, einen großen Teil des Spielzeugs dauerhaft im Café stehen zu lassen, da dieses ja auch durch die anderen Gäste des Cafés – also deren Kinder – genutzt werden könne. Von einem Mehrwert fürs Café war damals die Rede. Wir nahmen dankend an, denn obgleich wir schon Pläne hatten, das Spielzeug vor jeder Gruppe aus dem Keller zu holen und es hinterher wieder dorthin zu bringen, war es so natürlich viel praktischer.

Über vier Monate später bin ich nachmittags gerade von der Arbeit zurück, als mein Telefon klingelt: „Ja hallo, hier ist …“ sagte eine Frau. „Du hast doch diese Spielgruppe im Geistreich?“

Ich bin ein wenig überrascht. Vielleicht jemand, der ein Kind hat, das mitmachen will? Der Name sagt der Frau mir nichts.

„Die Spielsachen müssen alle raus. Wir haben das Geistreich gemietet und da stehen diese ganzen Sachen. Du musst jetzt sofort kommen und alles hier raus holen.“

Jetzt bin ich noch etwas überraschter, und auch etwas empört ob des Befehlstons. Ich versuche zu erklären: „Nein, das kann alles stehen bleiben.“ Aber es geht munter weiter: „Da ist auch eine Puppenküche dabei. Wir wollen hier eine Teenie-Party feiern. Wie soll denn das gehen? Wir haben das gemietet und das muss alles raus!“

„Ja, ihr könnt es doch zur Seite stellen oder ins Bad“, versuche ich zu besänftigen.

„Eine Teenie-Party!“ quengelt es ungehalten. „Wie soll denn das gehen? Wir haben das gemietet!“

„Da hat auch schon eine Beerdigungsfeier stattgefunden und niemandem war das Spielzeug im Weg!“ sage ich empört.

„Ja, äh…“ Kurz scheint es, als sei die Unsinnigkeit der eigenen Forderung durchgesickert, ebenso die nicht vorhandene Berechtigung. Aber zu früh gefreut: „Das ist mir egal, wir haben das hier gemietet, das muss alles raus, du musst sofort runter kommen und das wegräumen.“

Jetzt bin ich richtig in Fahrt, meine Freundin, die mir während des Telefonats gegenüber sitzt, gestikuliert, ich solle leiser reden. „Äh, nein!“ sage ich. „Selbst wenn ich jetzt Zeit hätte, würde ich nicht kommen.“

Irgendwo in diesen Satz schimpft die Frau ein wütendes: „dann halt nicht“ und legt auf.

Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen und schon gar nicht so stehen lassen. Also schlüpfe ich in meine Pantoffeln, nehme meinen Sohn auf den Arm und laufe runter ins Café. Dort stürmt gerade der Mann herein.

„So, du räumst jetzt die Sachen hier weg!“ herrscht er mich an. Wieder versuche ich zu erklären. „Nein, das…“

„Du räumst das jetzt sofort weg, sonst gibt es Ärger, aber richtig Ärger!“ sagt der Mann jetzt, und dabei wird er ziemlich laut.

Ich erkläre ihm den Sachverhalt, dass die Spielsachen im Café stehen bleiben dürfen und dass wir das auch mit der Leitung des Cafés sowie in Personalunion dem Vermietungsteam abgesprochen hätten.

„Das hat aber keiner mit dem Vorstand abgesprochen“ bellt der Mann wütend, aber ich bilde mir ein, minimal herauszuhören, dass er mein nächstes Argument bereits kennt und er um seinen moralischen Standpunkt bangt.

„Soweit ich weiß, kann das Vermietungsteam das eigenständig entscheiden“, stelle ich korrekt fest.

Zwischenzeitlich kommt auch die Frau, die mich angerufen hat, mal wieder herein und jammert: „So, dann kannst du das jetzt ja alles wegräumen.“

Ich verneine abermals und versuche mich erneut in meiner Argumentation. Doch schon wieder bekomme ich zu hören, dass die Puppenküche bei einer Teenie-Party doch eher störend sei. „Du hast doch selber Kinder“, bemerkt Schweinchen Schlau bei Anblick meines Sohnes auf dem Arm, „wie würden die das denn finden, wenn auf deren Teenie-Parties später mal Spielzeug herumstände?“

„Das weiß ich nicht, aber das ist mir auch vollkommen egal“, gebe ich ganz den liebevollen Vater, „Tatsache ist, dass die Sachen hier stehen dürfen. Schließlich ist das ja auch ein Mehrwert fürs Café.“

Die Frau verfehlt mit einem weiteren Versuch das eigentliche Thema: „Wir hatten hier mal einen Kicker, den durften wir hier auch nicht stehen lassen…“

Ich gehe überhaupt nicht drauf ein. Das Spielzeug steht sauber aufgereiht an der Wand. Ich versuche nochmals zu vermitteln: „So, wie das hier steht, kann man doch die Videoleinwand benutzen, und auch zum Tanzen ist genug Platz.“

Leider habe ich damit nur die gefühlt tausendste Nennung des Unwortes „Teenie-Party“ heraufbeschworen.

„Ja dann räumt den Kram doch ins Bad, in die Dusche, und hinterher stellt ihr es halt wieder hin. Wenn wir Spielgruppe haben, räumen wir auch immer alle Tische erst weg und stellen sie später wieder hin.“

Auch für diesen Vorstoß kein Verständnis. Stattdessen kündigt die Frau an, dann jetzt halt alles nach draußen zu stellen, da es ja nicht regne. Ich gehe wieder nach oben.

Wenig später laufe ich mit meinem anderen Sohn im Tragetuch durch die Siedlung. Ich gehe ein paar Runden, damit er einschläft, und natürlich laufe ich vor dem Geistreich der Frau in die Arme. Sie beginnt einen Satz mit „Sorry“ und ich werde hellhörig.

„Sorry, aber das fand ich gerade echt nicht okay von dir.“

Wäre ja auch zu schön gewesen. Ihr Mann kommt dazu. „Du kannst die Sachen dann ja hinterher wieder rein stellen.“

Mir platzt fast der Kragen: „Nein, das werde ich nicht tun!“

„Doch, das machst du!“ bestimmt der Mann. „Nein, ihr versteht es nicht.“, sage ich, „ihr werdet das alles selbst wieder rein räumen“, und an dieser Stelle werde ich erstmals selbst ein wenig unfair, der Aufregung geschuldet: „Wenn das hier nachher alles noch draußen steht, stehe ich mit sonst wem bei euch vor der Tür!“ drohe ich.

Ich versuche, nochmal zu wiederholen, warum das Spielzeug im Geistreich stehen darf und warum es daher nicht meine Aufgabe ist, es rein und raus zu räumen, aber ich werde von ihm als „sturer Bock“ beschimpft und ihre letzten Worte im weggehen sind sowas wie: „Ach weißt du, dann halt doch die Klappe, mit so einem wie dir, da bringt doch Reden nichts…“

Ich habe dann noch mit der Dame aus dem Vermietungsteam sowie einem Vorstand geredet. Deren Reaktion schwankte zwischen Staunen und Unverständnis.

Am Abend rief ich die Nummer zurück, von der ich Nachmittags angerufen worden war und sprach ein Friedensangebot auf den Anrufbeantworter. Ob man sich nicht noch mal in Ruhe unterhalten möge und die Sache vom Nachmittag aus der Welt schaffen, damit man sich in Zukunft nicht noch unnötigerweise aus dem Weg gehen müsse.

Ein Satz des Tages bleibt hängen. Warum machen es sich die Leute so schwer?

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