Autolobby

Vor etwas über einem halben Jahr sind wir in die autofreie Siedlung Weißenburg gezogen. Autofrei bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, dass zwischen den Häusern Fußgängerzone ist, sondern auch, dass sich die Bewohner verpflichten, kein eigenes Auto zu besitzen. Ein eigener Stadtteilauto-Pool mit zehn Fahrzeugen vom Smart bis zum Neunsitzer soll zu dieser Entscheidung beitragen.

Für uns war es keine Entscheidung, wir hatten schon vorher kein Auto und uns rechtzeitig vor Geburt unseres ersten Sohnes ein Gazelle Cabby zugelegt – eifrige Leser werden bereits davon wissen. Daher war es für uns keine große Sache, auf unsere eh schon gelebte Autofreiheit nun auch noch eine Art offizielles Etikett zu kleben.

Doch schon bald erfuhren wir, was es bedeutet, wenn man sich öffentlich zum autofreien Leben bekennt. Wir lernten zahlreiche Kandidaten für den Ehrenpreis im 100m Doof gucken kennen. „Ja, wie macht ihr das denn, so mit [zwischenzeitlich] zwei Kindern?“ – „Geht das überhaupt?“ – „Aber ihr braucht doch ein Auto!!!“

Vorhin las ich dann in einer Pressemitteilung des Fraunhofer Instituts die Zahl, dass die Autos der Deutschen durchschnittlich nur eine Stunde am Tag bewegt werden, den Rest der Zeit stehen sie nur herum. Da ich davon ausging, Fraunhofer sei eine verlässliche Quelle und würde sich nicht einfach irgendwelche Zahlen ausdenken, twitterte ich diesen Wert kurzerhand mit dem Kommentar, dass man endlich Bus und Bahn fahren solle, und wunderte mich, als ich beinahe einen Shitstorm (Wikipedia…) lostrat.

Binnen kürzester Zeit wurde ich intim angefeindet und ausgebuht. Von Beschneidung der persönlichen Freiheit war die Rede. Und davon, dass das eigene Auto minütlich abfahrbereit sei, der Bus am Wochenende jedoch nur alle Stunde.

Unserer Gesellschaft geht eine gewaltige Portion Ruhe und Gelassenheit verloren. Wie schon mit den Handys: kaum jemand hält es mehr für nötig, pünktlich am verabredeten Treffpunkt zu erscheinen. Man kann ja jederzeit Bescheid geben, dass man später kommt. Selbst wenn man die Verabredung einhält ruft man vorher nochmal an um zu klären, ob es denn auch wirklich, wirklich alles dabei bleibt.

Dazu gehört auch das vermeintliche Bedürfnis, ständig überall hin zu kommen. Selbst mit einem Bus, der stündlich fährt, kann man doch seinen Wochenendbesuch bei Freunden im Nachbarort planen? Nein, niemals! Ich möchte nämlich um 15:31 losfahren, ich kann auf keinen Fall den Bus um 15:08 nehmen und auf den nächsten um 16:08 kann ich ebenfalls niemals warten. Und der Notfall?

Was ist denn schon ein Notfall? Wenn das Bein abfällt, fährt man kaum mit dem eigenen Auto ins Krankenhaus. Das ist auch gar nicht nötig, die kommen einen nämlich gern abholen. Die haben Telefon. Rund um die Uhr.

Mir geht es beim Verzicht auf das Auto viel weniger um die Umweltproblematik als um Lebensqualität. Die individuelle Mobilität steht kurz davor, unsere Infrastruktur zu verstopfen. Die Blechlawine füllt unser Straßenbild und es geht mir auf deutsch gesagt auf den Sack. Unsere Städte könnten so schön sein. Aber selbst auf dem für Fahrzeuge gesperrten Prinzipalmarkt parken rund um die Uhr die Porsche Cayennes der Apothekenbesitzer mit einem „wichtige Medikamentenlieferung“-Zettel in der Windschutzscheibe. Sogar für die Busse wurde der Prinzipalmarkt einst gesperrt, was zum Teil zurückgenommen wurde. Ich habe lieber einen Busbahnhof als einen Parkplatz für die High Society.

Aber ich schweife ab. Ich bringe diesen Artikel jetzt auch gerade irgendwie zu keinem guten Ende. Ich denke, ich …

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