Das perfekte Rad

Zwischenzeitlich bin ich über ein interessantes Blog gestolpert, in dem ein offenbar sachkundiger Mensch kein gutes Haar am TioBike V2 lässt. Und ich muss ihm in allen Anklagepunkten Recht geben. Interessierte lesen hier.

In der Folge bin ich ein wenig ins Grübeln über das perfekte Lastenrad gekommen. Einige meiner Gedankengänge möchte ich hier entfalten, während mein Laptop Fotos vom Shooting über das Netzwerk auf unseren Server schaufelt.

Mein Lastenrad ist ein blaues Gazelle Cabby – mittlerweile gibt es die auch in orange, aber sie sind ein bisschen zu teuer, um sie nur der Farbe wegen auszutauschen – und ich erkenne im Alltag eigentlich nur zwei Punkte, die ich gern verbessert wüsste. Da ist zum einen das Dach: die an zwei Zeltstangen über die Fahrgastzelle gespannte Konstruktion ist einhändig kaum zu öffnen, wenn man also ein Kind auf dem Arm hat, muss man es immer irgendwo absetzen, um das Dach zu öffnen. Hatte es zuvor geregnet, muss man zudem etwas aufpassen, dass das auf dem Dach gesammelte Wasser beim Öffnen nicht auf die Sitzbank läuft. Ich habe diesbezüglich keinen Vergleich zu anderen Lastenrädern, denke aber, dass Gazelle hier einfach ein paar Erfahrungen in die Dachkonstruktion der nächsten Generation Cabby einfließen lassen könnte, und schon wäre eitel Sonnenschein.

Im Vergleich zum handelsüblichen Kinder-Anhänger ergibt sich das „Zoo-Problem“, wie ich es mal nennen möchte. Mit dem Rad vor dem Zoo oder an sonst irgendeinem erquicklichen Ziel angekommen, koppeln die Hänger-Fahrer ihre Kinder vom Rad ab und schieben sie fröhlich weiter vor sich her. An dieser Stelle muss das Cabby wie fast alle Lastenräder passen.

Nicht so das TrioBike V2, das jedoch, wie wir jetzt wissen, eine gute Idee mit einem völlig überzogenen, nicht alltagstauglichen Design zunichte macht. Ein Ähnliches Konzept verfolgt das Zigo, doch auch hier dürften einige der Anklagepunkte des Amsterdamer Bloggers verfangen.

Ganz abgesehen davon hat mein ideales Transportrad zwei Räder und nicht drei, bleibt vom Typ also ein „Long John“. Das fährt sich wendiger, die deutlich geringere Spurbreite erlaubt enges Fahren am Fahrbahnrand – was nicht unbedingt erschwinglich, leider aber immer wieder nötig ist – und schmale Durchfahrten meistert man so auch sicherer. Ein weiterer Aspekt ist mir erst am Wochenende aufgefallen, als ich zu extremem Transportzwecken am Cabby zusätzlich noch einen Anhänger gezogen habe: während ich mit dem Cabby eine Linie fahren konnte, die Schlaglöcher, Huckel, Kanten und was die Fahrgäste sonst alles noch so durchschüttelt, weitestgehend vermied, war der Croozer durch seine breite, doppelte Fahrspur den meisten Hindernissen hilflos ausgeliefert. Zwar kommen hochwertige Anhänger mit integrierter Federung daher, aber wenn meine Beobachtung aufgeht – was ich einfach mal voraussetze – amortisiert sich die Federung durch das Mehr an mitgenommenen Hindernissen.

Nachtrag: mein ideales Transportrad ist darüber hinaus ein bequemes Hollandrad und kein Mountain- oder City- oder Cross-Bike.

Morgen werde ich eine kleine Reparatur am Cabby-Dach vornehmen – die Zeltstangen waren durch kleine Stifte vor dem Durchrutschen durch ihre Halterungen gesichert. Diese Stifte sind aber schon nach relativ kurzer Zeit abgescheuert, so das die Zeltstangen nun oft zu tief unten hängen. Sobald sie wieder fest an ihrem Platz sitzen, sollte sich die gesamte Spannung der Dachkonstruktion ein wenig verbessern und somit auch das einhändige Öffnen wieder ein wenig leichter von der Hand gehen.

Das Zoo-Problem könnte auch eine interessante Lösung finden: der Schrauber von 1-2-3-Rad, einem ansässigen Fahrradladen, ist spezialisiert auf die ausgefallensten Konstruktionen. Für einen Nachbarn baut er an einem Liege-Tandem-Dreirad mit Dach und Solar-Panels. Nachdem ich davon erfahren hatte, bin ich mit dem Cabby mal bei ihm vorbeigefahren und habe das Zoo-Problem erläutert. Denn ein kleines Geheimnis des Gazelle-Rades habe ich noch gar nicht gelüftet: die Fahrgastzelle lässt sich mit ein paar Handgriffen abnehmen. Meine Idee war, einfach ein paar Räder dran zu bauen und somit einen abnehmbaren Bollerwagen zu haben. Seine Idee war, noch ein paar Schiebegriffe zu ergänzen. Nach fünf Minuten Inspektion meinte er, er habe schon einen Plan, wie das gehen könne. Zwischen mir und dem Bollerwagen-Cabby stehen also eigentlich nur noch die berühmten „Zeit“ und „Geld“.

Hätte ich von letzteren Ressourcen jeweils beliebig viel, würde ich das Konzept allerdings noch viel weiter denken. Es bleibt beim Zweirad. Vor dem Fahrer die Bakfiets-übliche Kiste. An den Seiten der Kiste müsste sich je ein Rad in einer Aufhängung befinden, die es beim Fahrradbetrieb über dem Boden hält. Mit einem einzelnen Handgriff müssten sich nun die Räder auf den Boden senken lassen, gleichzeitig klappt der Schiebebügel für den Kinderwagen-Betrieb hoch. Das Vorderrad wird festgestellt, ein Bolzen wird gelöst und der so entstandene Wagen, der einem Jogger-Kinderwagen ähnelt, kann ausgeklinkt und losgeschoben werden. Das Vorderradlose Fahrrad bleibt durch den zuvor ausgeklappten Ständer stabil stehen.

Soweit ich das durchdacht habe, stellt sich für ein solches Konzept eine wesentliche Herausforderung: die Übertragung der Lenkbewegung auf das vordere Rad muss beim An- und Abkoppeln verbunden und getrennt werden können. Aber wenn ich mir so etwas schon vorstellen kann, dürfte es einen Ingenieur vor keine größeren Probleme stellen, oder?

So. Längster Blogeintrag aller Zeiten. Leute, die mein „Projekt“ finanzieren wollen, melden sich über die Kommentar-Funktion 😀

Advertisements

15 Kommentare

Eingeordnet unter Bakfiets - Cargobike - Cabby

15 Antworten zu “Das perfekte Rad

  1. Sowas ähnliches wie im letzten Absatz beschrieben gibt es und kommt (natürlich) aus Holland: das Taga-Bike. Nur das hier kein „Rumpf“ überbleibt, das Hinterrad (des dreirädrigen) Bikes wird mit wirklich wenigen Handgriffen nach vorne geklappt und so entsteht ein recht sportlicher Kinderwagen. Das Gesamtkonzept ist ziemlich umfassend und kann sich ändernden Bedürfnissen angepasst werden: http://www.tagabikes.com/options.asp
    Ich find’s genial.

  2. Oh ja, die kenne ich – BabyOne verkauft die. Sehr interessantes Konzept, aber sie fahren sich scheußlich. Und wirklich viel Platz ist leider auch nicht drin.

  3. T

    Das stimmt wahrscheinlich, aber die Idee ist grandios.

  4. Cabby

    Habe nach Lesen Deines Blogs und ein paar Recherchen eine Gazelle Cabby gebraucht gekauft. Bin eigentlich ganz begeistert vom Fahrrad. Als nächstes würde ich aber wohl ein Rad mit zwei Unterzügen kaufen, da mir das Gazelle zu instabil ist.
    Das Dachproblem habe ich auch. Die Pins sind abgescheuert und das Dach rutscht durch. Wie hast Du das Problem behoben? In das Alustange Löcher gebohrt?

    • Ich habe kleine Schlauchschellen aus dem Baumarkt auf die Stangen gesetzt und festgezogen, jetzt rutscht nichts mehr 🙂

      • Cabby

        Schade, habe Deinen Kommentar zu spät gelesen. Deine Idee ist besser als meine. Ich habe nach Klemmscheiben mit Madenschrauben für 10mm Wellen gesucht, habe aber nix derartiges im Baumarkt gefunden und gerade 2mm Löcher gebort und Splinte durchgesteckt. Schlauchschnellen hätte ich sogar zuhause gebabt… Ich hoffe, dass die Stabilität mit Löchern ausreicht. Alupoppnieten wären noch besser gewesen, da das nicht gammelt, aber ich hatte nur kurze. Tröste ich mich mit der besseren Optik…

  5. Thomas

    Hmmm,
    geht das nicht wesentlich einfacher?
    Weiter hinten abschneiden. Am Dreieck der Lenkstange wäre doch was zu machen. Lenkung und Vorderrad einfach beibehalten und bei der Lenkstange eine Achse mit 2 Räder einsetzen. Fertig ist der Kinderwagen.
    Wäre sogar lenkbar! Und mit Bremse ( = Zulassung zum Skaten, wenn man Chariot das glauben darf)

    • Jan

      Interessanter Gedanke 🙂 Schön auch, dass offenbar immer wieder Leute diesen Artikel finden und lesen, das freut mich. Bin nach wie vor schwer am überlegen, werde mich dem Thema sicherlich demnächst auch noch mal in einem Eintrag widmen …

      • Thomas

        Beim zweiten Nachdenken muss das Cabby lenkbar sein. Bei der obigen Konstruktion würde die Achse nicht unter den Kindern, sondern dahinter verlaufen. Das Dreirad liesse sich somit wesentlich schwerer durch ein Aufstützen hinten vorne anheben.

        Problem wäre ein Adapter für die Schaltung, bzw. mit dem Schaltzug muss man sich was einfallen lassen.

      • Es gibt ja elektrische Schaltungen, die wäre dann sehr einfach abzukoppeln. Die Bremse wäre auch noch ein Thema, es sei denn, man verzichtet auf eine Handbremse hinten und nimmt nur Rücktritt.

  6. Sandy

    Stehen gerade vor ähnlichen Problemen\Überlegungen, darf ich fragen ob sich das Zoo-Problem schliesslich lies?

    • Das „Zoo-Problem“ hat sich als ein sehr theoretisches erwiesen. Irgendwann laufen die Kinder selbst, vorher kann man sie tragen – oder man nimmt den Kinderwagen einfach im Lastenrad mit, das geht auch 🙂

      • Sandy

        Schade, die Bollerwagen Theorie war mein Traum…denn spätestens beim zweiten wird es wohl eng – und ich hätte halt auch gern allein mit den Zwergen (2. ist noch Theorie und 1. läuft gerade erst) was größeres unternommen…habe schon fast nur getragen – bei zweien mag ich aber dann nimmer 😛

        Wir gehen nach China und da lässt sich nicht in jedem Park (Zoo wird da sicher nix) einen Bollerwagen zu mieten 😉

      • Sandy

        Sie fahren doch auch Urban Arrow – da gibt es zwei „Vorbauten“ – kann man da nicht die Box abnehmen und mit Rädern koppeln?

      • Die verschiedenen Vorbauten – Kinderbox und Transportbox will ich sie mal nennen – beim Urban Arrow lassen sich nur mit einigem Aufwand abbauen, und der Fußboden bleibt immer Teil des Rades, also würde das schon mal nicht funktionieren.
        Es gibt ja nach wie vor das Zigo … (www.myzigo.de)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s