Aus aktuellem Anlass

Der Antiwitz. Eine kulturelle Errungenschaft der 1990er Jahre – so scheint es mir zumindest in der Retrospeltive, denn in dieser Zeit lernte ich den Antiwitz als solchen kennen und kultivierte ihn. Gibt es wissenschaftliche Abhandlungen zu diesem Thema? Wenn ja, her damit.

Ein zeitloser Klassiker dieses Genres ist zweifelsohne „Gehen zwei Kais über die Straße. Der andere hat auch fünf Mark.“ Betrachtet man diesen Satz etwas genauer, kann man offenkundige (Sherlock Holmes Jr.) Kriterien erkennen, die für den Hörer des Witzes zutreffen müssen, um ihn witzig erscheinen zu lassen:

  • das Verweilen in der Pubertät
  • extreme Übermüdung
  • Trunkenheit

In einer etwas Verlängerten Variante des gleichen Witzes wird nicht etwa festgestellt, dass der andere Kai auch im Besitz von „fünf Mark“ ist, sondern ein Dialog zwischen den beiden entfaltet. Nicht zuletzt aufgrund der flüssigeren Erzählform erachte ich jedoch die kürzere Variante als verbreiteter.

„Gehen zwei Kais über der Straße. Sagt der eine zum anderen: ‚Ey, lass mich auch mal in der Mitte gehen!'“

Das Signalwort „Ey“ in dieser Version gibt weiteren Aufschluss über die Epoche, in der diese Witze zu verorten scheinen: das sogenannte Tom-Gerhardt-Jahrzehnt. Findige Gymniasasten gingen damals sogar so weit, das „Paul“ auf dem Straßenschild einer nach Paul Gerhardt benannten Straße in Roxel auf sämtlichen Schildern mit „Tom“ zu überkleben.

An dieser Stelle erfolgt ein Aufruf an Menschen, die sich noch an den Witz erinnern, der mit der Moral „kleine gelbe Bullis sind besser als große blaue“ endete, und der sich über etlichen Minuten hinzog, um sich dann mit der völlig verdorbenen Pointe als eine Art Queen Mary II oder auch ein Neoplan Jumbocruiser der Antiwitze zu entpuppen. Wer den Witz kennt, erzähle ihn bitte in den Kommentaren.

Wer heute einen Antiwitz zum Besten gibt, wird allenfalls müde belächelt. In einer Gesellschaft, in der sich die Mobilfunkanbieter zu dem entwickeln, was früher Fiat war – gerne erinnern wir uns an das Akronym „Fehler in allen Teilen“ – wünscht sich der Hörer wenigstens, wenn er nicht telefoniert, einen wirklich hochwertigen Witz, einen, der dich nicht mit einem schlechten Gefühl zurücklässt, dass an Sodbrennen erinnert.

In diesem Sinne: Antiwitzkommentarelein, kommet.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Belanglosigkeiten

2 Antworten zu “Aus aktuellem Anlass

  1. Meiner persönlichen Kenntnis zufolge – das können Sie, Hrr Lubux als Kind der späten 80er + 90er nicht wissen, fand der Antiwitz bereits in den 70er-Jahren statt, jener Epoche des vergangenen Jahrhunderts, in der man braun-orange gemusterte Rollkragenpullover aus irgendeinem Ausschussmaterial der chemischen Industrie von der Mutter unter lautem Knistern über den Kopf gezogen bekam und in der Jinglers-Jeans auch schon nicht „cool“ waren.
    Beliebt war auch da schon die Frage/Antwort-Variante der Antiwitze, hier schulde ich Ihnen ja auch noch eine Auflösung.
    Frage: Was ist der Unterschied zwischen einer Krähe?
    Anwort: Beide Beine sind gleich lang – besonders das linke.
    Geht wahlweise aus mit einer Elster.

  2. Frank

    Yeeeaaahh, ich der Jimmyyyyyy. Also nicht jetzt der Hendrix, sondern der Breueeeeer. Witzomat zweitausend!
    So und zum Thema Fehler in allen Teilen hab ich hier noch ein „absolute must see“ für dich (auch wenn oder gerade auch weil apple da unter anderem auch nicht gut wegkommt):

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