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Bingelingeling!

Hallo Internet! Ich bin ja zwischenzeitlich so dermaßen professionell am Bakfietsbloggen, dass es mir ein Vergnügen sein wird, hier nun frei Schnauze ein paar Absätze herunter zu tippen und auch mal querbeet Themen anzuschneiden, von denen sicherlich niemand zu träumen wagte! Was sein muss, muss sein.

Dem Special Interest Blog habe ich kürzlich Google Analytics verpasst – jaha, die Datenkrakte greift zu. Ich liebe Google. Seid still. Seither schaue ich immer wieder verstohlen auf die Echtzeitanalyse. Wie spannend das ist! Hui! Da sind zwei Besucher, und sie schauen sich an, welche Lastenräder wir haben. Heissa, nun sind es fünf! Nun null!

Aber jetzt, wo das Lastenradfahren eine ganz große Nummer wird und ich demnächst Präsident, da ist man die ganze Zeit nur noch am Netzwerken und Social Media machen und hochwertigen Content generieren und all das. Wie viel Zeit bleibt da noch für das echte Leben? Ich sag’s euch: nicht viel. Weil zwischendurch ist: arbeiten und Kinder haben. Wobei vor allem letzteres sehr viel Spaß macht, es hindert einen nur recht effektiv am Bloggen, was man dann Abends macht, wenn die Kinder schlafen und man eigentlich selbst auch besser schlafen sollte.

Wisst ihr was, ich mache das jetzt, ich breche ab und gehe ins Bett. Dreieinhalb Absätze müssen auch reichen. Und endlich mal ein Artikel, den ich nicht noch teilen, verlinken, rumschicken und promoten muss. Nicht, dass ich das nicht gerne täte. Aber ich denke, ich werde einfach mitten im Satz

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Munteres Gadget Bashing

Weihnachten steht vor der Tür, sogar Hermes behauptet, CO2-neutral zu liefern, was läge da näher, als ein paar technische Spielereien auszuprobieren, denn der eine oder andere wird es schon gemerkt haben: auf so etwas stehe ich.

Da wäre zunächst das Sony QX10. Ich nehme bewusst den sächlichen Artikel, denn es handelt sich dabei eigentlich um nicht viel mehr, als ein Objektiv. Allerdings kann dieses an kein herkömmliches Kamerasystem angeschlossen werden, sondern hat einen 18 Megapixel Bildsensor eingebaut und nimmt per WLAN Verbindung zum Android-Smartphone der Wahl auf.

Der Trick wäre also dieser: mit geringem Aufwand macht man aus dem maximal für Schnappschüsse bei gutem Licht geeigneten Telefon eine gute Kleinbildkamera. Für gut befunden, ausprobieren gegangen. Dabei kam mir direkt zugute, dass mein Nexus 5 über NFC auch im Nahbereich funkt. Statt das Passwort für die WLAN Verbindung zwischen Objektiv und Handy im Benutzerhandbuch von Sony nachzuschlagen, reichte es, die beiden eingeschalteten Geräte kurz aneinander zu halten, schon erschien eine „wird verbunden“ Meldung auf meinem Display. Die blieb da allerdings auch viel, viel zu lang, und das nicht nur bei der ersten Verbindung, sondern jedes mal nach dem Einschalten von Objektiv und Smartphone. Schnappschüsse sind also völlig unmöglich, und wer Kinder hat weiß, ohne Schnappschüsse geht es nicht.

Doch auch nachdem die Verbindung stand war längst nicht alles perfekt. Mal abgesehen von den designtechnischen Schwächen der App – von einem Unternehmen wie Sony sollte man hier mehr erwarten – stockte das Livebild immer wieder. Einmal hing es sich sogar ganz auf, nur ein Neustart der App (und erneutes Warten auf die Verbindung) brachten Linderung.

Wenn es mal funktioniert, macht das Objektiv durchaus gute Bilder, die dank optischem Bildstabilisator dem ersten Eindruck nach im Kleinbildformat keinen Vergleich scheuen müssen, allerdings sprachen die eklatanten Mängel bei der Verbindungsstabilität, die hässliche, unlogisch aufgebaute und schlecht zu bedienende App sowie die lange Startzeit eindeutig gegen einen Kauf. Hurra, Geld gespart.

Weiter zu einem anderen Lieblingsthema, der Heimautomatisierung, oder Home Automation, wie der Engländer sagt. Obgleich es hier durchaus sehr sinnvolle, denkbare Szenarien für einen Einsatz gibt, läuft das meiste immer noch unter Spielerei. Warum sollte ich meine Lampen von unterwegs aus Schalten können? Wer im Urlaub potentielle Einbrecher abzuschrecken sucht, kann immer noch auf die Zeitschaltuhr zurückgreifen, die gibt es sogar in mechanisch.

In der Werbung für die jetzt besprochene Lösung wird sogar ein Bügeleisen aus der Ferne geschaltet. Hallo, geht’s noch? Ein Bügeleisen lässt man schlicht und ergreifend NIEMALS eingestöpselt, wenn man weggeht, fertig, aus.

Bisher betreibe ich ein System auf Basis der schon länger verfügbaren Funksteckdosen auf 433MHz-Basis, das ich um einen mit meinem Netzwerk verbundenen Signalgeber erweitert habe. So kann ich über eine App das erledigen, was sonst die kleine Batteriefernbedienung täte, und ja, die Lampen im Wohnzimmer alle vom Sofa aus schalten zu können ist wirklich praktisch, aber eben mit der Fernbedienung sogar noch praktischer als vom Smartphone, da man dort nicht erst entsperren, App starten, auf Verbindung mit dem Gateway warten und dann drücken muss.

Dennoch schalte ich hin und wieder gern mein Lampen mit dem Handy, einfach WEIL ICH ES KANN. Es ginge sogar von unterwegs, allerdings ist die Lösung des Herstellers hier extrem unzureichend – man braucht ein zweites Telefon als Basis – und noch dazu wird dafür eine monatliche Gebühr verlangt. Da würde ich mir viel eher beizeiten das (proprietäre) Protokoll einmal genau anschauen, nach allem Anschein reicht es nämlich, bestimmte UDP Pakete ins Netzwerk zu senden, um das Gateway zu schalten, und dann könnte ich nicht nur von überall, sondern auch noch von jedem Gerät Steckdosen bedienen, aber dazu müsste ich mich mal für etwas länger in die Tüftel-Ecke begeben, und so wichtig ist es mir dann doch wieder nicht.

Allerdings hat das 433MHz-System ein ganz entscheidendes Problem: es funktioniert nur in eine Richtung. Ich kann also nie wissen, ob die Funktion, die ich fernbedient ausgelöst habe, auch wirklich stattgefunden hat, es gibt keinen Rückkanal, keine Erfolgsbestätigung. Das zweite Problem, die schwache Sendeleistung, die oft nicht mals eine Tür überwindet, ließe sich notfalls (illegal) beheben, aber so weit sind wir noch gar nicht.

Da trifft es sich gut, dass der renommierte Hersteller Belkin mit einigen schaltbaren Steckdosen am Markt ist, die er „WeMo“ schimpft. Ich sage bewusst „renommiert“, denn bislang kannte ich die Firma durch hochwertiges Apple-Zubehör. Was Belkin aber hier auf die Geekheit losgelassen hat, ist schlicht eine Unverschämtheit.

Angefangen bei der Android-App, die hässlich, fehlerhaft und nur in Teilen übersetzt ist. Ständig navigiert man in eine Sackgasse, aus der man nicht ohne Home-Button und App-Neustart wieder heraus kommt.

Die Steckdose wollte sich, nachdem sie mit meinem Heimnetz verbunden war, nicht zuverlässig schalten lassen. Mal ging es, mal nicht. Dann begann sie aus heiterem Himmel zu blinken und sich neu mit dem Netzwerk zu verbinden. Immerhin: hier hat man Feedback, man merkt beim Schalten über die App, dass es nicht funktioniert hat. Aber hey: drauf geschissen. Es soll schließlich funktionieren. Ich habe selten etwas so schnell wieder in den Karton gepackt und eine Retoure beantragt. Wieder Geld gespart.

Ja, und das dritte Gadget ist groß, grün und kommt erst in den nächsten Tagen. Nach allem, was ich bislang recherchieren konnte, wird es nicht nötig sein, es zu „bashen“, stattdessen wird es mir zur großen Freude gereichen und allenthalben für Heiterkeit sorgen. Einzig über den Preis könnte man kurz nörgeln, aber gemessen daran, dass ich mir so etwas schon länger wünschte und nun endlich gefunden habe, geht das schon in Ordnung. Die andere Option wäre „selbst basteln“ gewesen, und die war – geben wir es zu – rein hypothetisch.

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Berlin, Waldbühne, Muse

Als ich Berlin am Vorabend aus Richtung Potsdam erreiche, weht ein mildes Lüftchen und die Abendsonne taucht alles in ein nahezu unerträglich romantisches Licht. Der Wannsee lädt im vorbeifahren dazu ein, das „Haus am See“ aus Peter Fox‘ Song auf der Stelle zu bauen, zu beziehen und für immer dort zu bleiben. Leider muss man auf der zitierten CD nur einen Track zurück gehen, um zu erfahren, dass Berlin auch andere Attribute wie hässlich, dreckig und grau verkörpern kann, und zwar mit Inbrunst. Damit wären wir am Sonntag morgen.

In diesen Augenblicken landet Maria in Schönefeld. Übermüdung sowie überbordende Freude, den Fesseln des Auslanddatenroamings endlich entkommen zu sein, verschaffen ihr schmerzhafte Bekanntschaft mit einer besonders unfreundlichen Treppe.

Zeitgleich gelingt es mir selbst unter Aufwendung von Google Maps nicht, in Friedrichshain eine Bäckerei zu verfehlen. Ich verschaffe mir mit dem ungefragt entliehenen Schlüssel Wiedereintritt zu den Gemächern meiner Gastgeber und lerne wenig später deren Türklingel kennen. Sie erhält den Ehrenpreis der Robert Moog Stiftung für die nervigste Sägezahnwellenform des Jahrzehnts.

Das alles klingt so, als könne es kein schöner Tag werden? Dann ändern wir das. Frühstück, je nach Gusto Mittagsschlaf oder ein Spaziergang, und schon sieht die Welt ganz anders aus. Nicht nur deswegen, weil jetzt eine Wackelblume und eine Winkekatze auf dem Couchtisch stehen.

Hohn und Spott ergossen sich in den letzten Jahren über die Berliner S-Bahn. Linie S5 verrichtet ihren Job heute allerdings zu unserer Zufriedenheit und bringt uns zur Haltestelle Pichelsberg, wo nahezu alle Fahrgäste aussteigen. Bei denen, die sich offensichtlich in Muse-Devotionalien gewandet haben, verwundert das auch nicht, denn von hier führt ein verschlungener Pfad zur Waldbühne, dem Ort des Geschehens.

Dort verkaufe ich meinen Kartenüberhang an eine junge Portugiesin und Maria und ich gehen bei einem Bier zum günstigen Straßenverkaufspreis noch mal kurz in Klausur.

Es ist mein erster Besuch auf der Waldbühne, und nachdem ich mir im Vorfeld Fotos angesehen hatte, überrascht mich, wie steil die Ränge nach unten führen. Selbst auf dem Rundgang ganz oben könnte man dem Konzert beiwohnen, ohne das Gefühl zu haben, völlig veräppelt worden zu sein – die Anlage ist kompakt und fasst doch bis zu 22.000 Menschen.

In einer halben Stunde sollen Biffy Clyro den Abend eröffnen, von oben sieht es im Innenraum noch ziemlich entspannt aus, also beginnen wir den Abstieg. Auf dem Rundgang oberhalb des ersten Ranges erfahren wir dann auch, warum es so entspannt aussieht: die Ordner lassen niemand mehr in den Innenraum hinein.

Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Tatsache, dass mein Gegenüber sich nur als Büttel einer übergeordneten Hierarchie versteht, versuche ich mich kurz in argumentativem Durchbrechen der Bannmeile. Was denn wäre, wenn nach Biffy Clyro deren Fans samt und sonders den Innenraum verließen – das sähe dann doch ziemlich blöd aus. Den Einwand, dies sei ob der Bekanntheit des Hauptacts doch recht unwahrscheinlich, lasse ich nicht gelten, es aber dennoch dabei bewenden und wir treten nach rechts ab.

Handgemessene 4933cm weiter findet sich neben einer Beleuchterkabine ein weiterer Durchgang, der in den Innenraum hinunter führt. Eine einzelne, hier postierte Dame in Warnweste spielt mit ihrem Handy und macht keine Anstalten, uns den Durchgang zu verweigern. Da stehen wir also, nur wenige Meter von der Bühne entfernt, richten unser Blicke nach oben, zählen sechs Aufgänge, die von Ordnern mit Absperrketten bewacht werden, und „glauben es jetzt gerade nicht“ (H.P. Kerkeling).

Wer einmal im Innenraum drin ist, bekommt beim rausgehen einen Stempel. Ich bin nicht sicher, ob die Ordner, die mir keine Stunde zuvor den Zutritt verweigerten, sich nun wundern, als sie mir „Eilt sehr“ auf den Handrücken drucken. Vermutlich nicht, denn sie haben ja in der Zwischenzeit noch hunderte andere Besucher zurückweisen müssen. Dennoch kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. [1]

Hinter mir spielen Biffy Clyro bereits auf, aber diesen Teil spulen wir schnell vor. Ich habe die Band jetzt drei Mal gesehen und bin jedes Mal wieder von ihrer offenkundigen und totalen Unfähigkeit, die Brillanz ihrer Tonträger auf die Bühne zu bringen, gleichermaßen überrascht wie enttäuscht. Die eigentlich dreiköpfige Band lässt sich live von einem Keyboarder und einem zweiten Gitarristen unterstützen, aber wenn zwei Gitarren und eine Orgel volle Breitseite die gleichen Akkorde spielen, was soll dabei anderes herauskommen, als Brei? Immerhin präsentieren sie ihr akustisches Mus in rhythmischer Perfektion.

Nicht nur die Waldbühne stammt aus den 1920er Jahren, auch das sanitäre Konzept ist seither nicht mehr angepasst worden. Das hat insbesondere zur Folge, dass die Situation vor den Damentoiletten nach der Vorband völlig eskaliert und Maria so den Auftakt von Muse verpasst.

Auf den Leinwänden beginnt das Video zu „The 2nd Law: Unsustainable“ zu spielen. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet. „An economy based on endless growth is unsustainable“, sagt die Nachrichtensprecherin, und dann beginnen Muse mit „Supremacy“, dem Opener des aktuellen Albums, dessen erste Note von einem gigantischen Feuerball in unsere Ohren eskortiert wird, der aus der Mitte des Stegs empor steigt. Halleluja, darauf war ich nicht vorbereitet, meine linke Wange fühlt noch eine ganze weile ziemlich heiß an.

Muse halten sich an diesem Abend nicht groß mit Publikumsansprachen auf. Am Ende eines jeden Songs kommen fleißige Roadies von den Seiten auf die Bühne gehuscht, um die Saiteninstrumente der Herren Bellamy und Wolstenholme auszutauschen. Letzterer spielt an diesem Abend einen ganzen Kanon von Bässen, alle haben sie leuchtende Inlays, mal rot, mal grün, mal blau, mal weiß. Herr Bellamy kommt auch mit erfrischend wenigen Gitarren und vor allem nur einem einzigen, in ein verspiegeltes Gehäuse verkleideten Verstärker aus. Ich mag das, Materialschlachten und meterhohe Boxentürme mögen ein hübsches Show-Element sein, aber es beeindruckt mich um so mehr, wenn ein Musiker mehr aus einem Instrument herausholt, anstatt es ständig zu wechseln.

Im Textfluss ist jetzt eine viel zu lange Pause entstanden, denn eigentlich befinden sich Muse schon längst mitten in „Panic Station“ und auf den Leinwänden tanzen Avatare von Hollande, Merkel, Putin und Obama. Dies ist der Moment, in dem Maria es zurück vor die Bühne schafft.

Von diesem Einstand noch nicht ganz erholt folgen „Supermassive Black Hole“ und dann „Bliss“. Spätestens jetzt bin ich wieder auf dem Pretty Day, mittwoch abends im Theatercafe, singe mir die Seele aus dem Leib und heule Rotz und Wasser vor Glück. Das wundert mich nicht, ich habe bis jetzt bei jedem einzelnen Muse-Album an irgendeiner Stelle vor Verzückung weinen müssen.

Muse haben ganz offensichtlich nicht vor, mich heute Abend noch mal aus dieser emotionalen Fessel zu entlassen. Sie schicken „Resistance“ und „Hysteria“ hinterher und fahren dann das Tempo etwas herunter: „Animals“ vom aktuellen Album steht auf dem Programm. Auf den Leinwänden fiese Banker, die noch fieser grinsen und mit Geld um sich werfen, und plötzlich steht genau jener Unsympath leibhaftig auf der Bühne und schmeißt bündelweise Scheine ins Publikum, wie besessen, lacht, geifert und stirbt im Crescendo des Songs einen theatralischen Tod mitten auf dem Steg. Hat irgendwer gesagt, Muse wären unpolitisch?

Chris Wolstenholme tritt vor und spielt dem verstorbenen das Lied vom Tod auf der Mundharmonika. Nach den ersten Tönen wirft er das Instrument ins Publikum, greift eine neue aus seiner Tasche und spielt weiter. Er scheint das häufiger zu machen, Maria weist mich auf ein „Chris, give me your Harmonica“-Poster hin, das rechts von uns hochgehalten wird.

Ich hatte mir die Setlisten der vorangegangenen Konzerte angesehen und treffe daher völlig unvorbereitet auf das, was nun kommt. „Knights Of Cydonia“. Oh wie fantastisch, oh wie wunderbar, der Übersong schlechthin, den Schlagzeuger Dom Howard angeblich so ungern spielen mag, weil er so anstrengend sei. Das ist er wahrhaftig, denn ich sehe mich gezwungen, das ganze Stück zu hüpfen bzw. nach der Stelle, die man als Breakdown bezeichnen könnte und in der das Publikum das Absingen des an Queen gemahnenden Chorus‘ übernimmt, zu springen wie ein Irrer. Muss ein, man sieht Muse ja nicht jede Woche.

Dann erstmal wieder durchatmen zu „Feeling Good“, zu dem sich Matt Bellamy ans Klavier begibt und ich mir die dramaturgische Freiheit nehme, an dieser Stelle zu verraten, dass Muse live zu viert sind: Morgan Nicholls versteckt sich hinter einer gehörigen Portion Bühndendeko und sorgt an Keyboards, Gitarren und zahlreichen anderen Instrumenten dafür, dass Muse ihren oftmals pompösen Studioversionen auch live in nichts nachstehen. Im direkten Vergleich zur Vorband interessant, wie ein Musiker eine Band kolossal aufwerten kann, während zwei andere Musiker den ganzen Sound völlig überladen und überfrachten können.

Dann gibt es „Follow Me“, eine der letzten Singles, die ohne die viel diskutierten Dubstep-Elemente daherkommt und für Herrn Mensing ist es mal wieder an der Zeit, völlig die Fassung zu verlieren, denn Bellamy widmet den Song seinem Sohn und ich denke an meine beiden Jungs und wie fantastisch sie sind und da laufen sie wieder, diese salzigen Tropfen, die direkt aus meinen Augen kommen.

Emotionale Abkühlung verschafft „Liquid State“, in dem der Bassist von seiner überwundenen Alkoholsucht singt, und auch „Madness“ lässt sich vorzüglich genießen, ohne sich körperlich zu verausgaben. Matt Bellamy trägt dazu eine Sonnenbrille, in deren Gläsern die Texte des Songs über zwei Bildschirme wabern. Auch Geeks kommen so auf ihre Kosten.

„Time Is Running Out“ leitet eine erneute Zeitreise ein, die sich mit „Stockholm Syndrome“ im Tempo steigert und die Sprunggelenke erneut herausfordert. Und dann drehen sie die Uhr noch weiter zurück: der Bassist darf zu „Unintended“ die Gitarre spielen, und aus den ganz vorderen Reihen klingt es bei diesem leisen Song so, als bekäme Matt Bellamy gerade eine ganze Menge Heiratsanträge.

Mit diesem Song haben sich Muse auf der B-Stage eingefunden. Ein Begriff, den ich auch erst im Nachgang dieses Abends lernte, es bedeutet nicht mehr, als dass sich die Band an der Spitze des Stegs versammelt und dort mit einem kleinen Set ein paar Songs zum besten gibt. Für Schlagzeuger Dom Howard ist dafür ein glitzerndes E-Drum-Set aus dem Boden empor gefahren, dass er im Stehen spielt. Jede Trommel blinkt, wenn er sie spielt. Ich bin hingerissen.

Von eben jenem Ort hören wir „Guiding Light“ und „Undisclosed Desires“, bevor die Band sich von der Bühne verabschiedet, im Hintergrund beginnt allerdings schon wieder „The 2nd Law: Unsustainable“ und so ist allen klar, das der Abend noch nicht gelaufen ist. Im Gegenteil, auf dem zweiten Rang schiebt sich der Roboter aus dem zugehörigen Musikvideo ins Publikum und versprüht reichlich Dampf. Unbekannten Quellen zufolge heißt er Charles. Ich schätze ihn auf 10m.

Diesmal folgt dem Prolog auch tatsächlich jener Song, der, als damals der Teaser veröffentlicht wurde, für viele Spekulationen sorgte: machen Muse jetzt Dubstep? Gelegenheit für Matt Bellamy, mal zu zeigen, was man aus einer Gitarre mit integriertem Korg Kaos Pad alles für kranke Sounds rausholen kann. Es kracht und wummst. Wenn Dubstep jemals für Gitarre gedacht gewesen wäre, dann kommt das hier der Sache sehr nahe.

In die nachhallende Kakophonie verschiedenster, digitaler Rückkopplungen spielt Matt ein paar Tonfolgen, die Erinnerungen wecken. Maria sagt, wie schön es doch wäre, wenn sie jetzt noch „Plug In Baby“ spielten. Ja, es waren genau diese Erinnerungen.

Direkt im Anschluss „Survival“ – wie sympathisch, dass die Briten einen derartig unangepassten und pompösen Song zum offiziellen Lied der olympischen Sommerspiele gemacht haben. Hier in Deutschland würde ohne Zweifel Dieter Bohlen mit so einem Auftrag betraut und dann müsste ich auswandern.

Die Klänge von „The 2nd Law: Isolated System“ lassen uns auch nach diesem Stück hoffen, dass es noch was obendrauf gibt. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber ich glaube, an dieser Stelle schmeißt Matt seine Gitarre in den Flügel, und die Rückkopplungen beider Instrumente vereinen sich zu ganz vergnüglichem Lärm. So viel Rebellion können die Roadies nicht ertragen, im Dunkeln kommt sofort einer herangehuscht, holt die Gitarre aus dem Klavier und klappt letzteres wieder auf. Muss ja alles seine Ordnung haben!

Muse kommen nun mehr oder weniger komplett in rot gekleidet zurück auf die Bühne und spielen „Uprising“. Könnte der Song je aktueller sein als in Zeiten, in denen Whistleblower wie Snowden und Manning internationale Überwachung aufdecken?

„They will not force us,
they will stop degrading us,
they will not control us,
we will be victorious!“

klingt es aus abertausdenden Kehlen in den Berliner Nachthimmel. Ich hoffe mal, das stimmt dann auch so.

Und dann: „Starlight“. Als ich Muse das letzte Mal sah, war meine Freundin frisch aus einem fast einjährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und die Zeilen „Hold you in my arms, I just wanted to hold you in my arms“ haben seither eine ganz besondere Bedeutung für mich.

Es ist der letzte Song, wie passend, dass die emotionalen Fesseln noch mal auf Anschlag festgezogen werden. Heiß kullern mir die Tränen über die Wangen. Danke. Ende.

Wir sitzen auf den Rängen, während alle Welt schon zu den Ausgängen drängt. Was wollen die alle so schnell da draußen, frage ich mich? Ich muss sowieso erstmal sacken lassen, aber es ist noch ein Mal Zeit für die Ordnungsmacht in orangenen Warnwesten, sich von ihrer besten Seite zu zeigen: humorlos fordern sie uns auf, jetzt sofort zu gehen. Wir verlegen das Sacken lassen daher auf die Straße vor die Waldbühne.

Die S5 nimmt uns wieder mit zurück, am Ostkreuz tanzt die Berliner Partyjugend den Harlem Shake. Ein freundlicher Herr macht uns zu später Stunde noch köstliche Speisen, dann ist Bettruhe angesagt.

Ich wünsche mir, dass Muse noch lange so weiter macht. Ich brauche mehr davon!

[1] Ich habe mal versucht, auf einem Konzert, wo Freunde von mir spielten, in den Backstage-Bereich zu kommen, wurde aber von einem sichtlich durch seine Machtposition befriedigten Ordner abgewiesen. Später am Abend gelang es mir und ein paar anderen, den Veranstaltungsort seitlich über ein offenes Fenster im Catering-Bereich zu entern und von dort unter Mitnahme zweier Flaschen Sekt in den Backstage zu kommen, den wir wenig später wieder verließen und dabei jenen Ordner nett grüßten. Er war stinksauer. Unsere Strafe folgte auf den Fuß, wir hatten in der Eile lieblichen Sekt geklaut.

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Android farbig

Die Firma LG hat ein hausgemachtes Problem: vor über einem Jahr kündigte man an, für eine Reihe von Smartphones, die mit Android Froyo ausgeliefert worden waren, auch noch die zu der Zeit aktuellste Variante Ice Cream Sandwich nachzuliefern. Schließlich handelte es sich dabei unter anderem um das Optimus Speed – das weltweit erste Smartphone mit Dual Core Prozessor – oder, in meinem Fall, das Optimus 3D – das weltweit erste Smartphone mit stereoskopischem Display, für das man keine Brille benötigt. High End-Geräte also, für die ein Update durchaus angebracht schien.

Viele Monde später ist noch nichts passiert und die Firma sitzt den Shitstorm, der sich auf sämtlichen Kanälen über sie ergießt, mit einer elegischen Ruhe aus, dass man meinen könnte, Helmut Kohl sei im Hause LG verantwortlich. Auf den Plattformen, wo es geht, werden unliebsame Nutzer auch schnell mal geblockt, gelöscht, gesperrt.

Endlich fasste ich mir ein Herz und installierte mir ein Custom ROM – CyanogenMod 7. Und in den folgenden Stunden und Tagen kamen mir, der immerhin mal in einer Informatik-Vorlesung saß und zumindest die grundlegenden Prozesse der Programmierung zu verstehen glaubt, mehr und mehr Zweifel über den Geisteszustand der Software-Entwickler seitens LG.

Das zuletzt installierte Android hatte die Versionsnummer 2.3.5 und war langsam – ein Bootvorgang dauerte mehrere Minuten, das schließen von Apps bis zu 10 Sekunden – und unzuverlässig, viele Apps hatten erstaunliche Fehler – sogar das aus dem Hause Google stammende „Play Music“ lief nicht sonderlich gut, was mich wunderte, schließlich ist das doch eine Art Vorzeige-App, mit der Google demonstrieren könnte, was es kann.

Heute weiß ich, dass all‘ diese Fehler offenbar aus dem darunterliegenden Betriebssystem resultierten. Denn das CyanogenMod startet in unter 10 Sekunden und besitzt auch noch die Freundlichkeit, das Öffnen und Schließen von Apps zeitnah durchzuführen UND sogar noch schick zu animieren.

Ferner funktionieren bei mir plötzlich Apps, die ich früher aufgrund des versprochenen Funktionsumfangs gern genutzt hätte, woran aber nicht zu denken war, beispielsweise die Netzwerk-Multimedia-Steuerzentrale Bubble UPnP.

Also LG: schämt euch. Selbst wenn ihr irgendwann nochmal ICS ausrollen solltet, ich bleibe bei meiner neuen Lieblingsfarbe. Android-mäßig gesehen.

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Bewerbung richtig gemacht

Soeben erreicht mich diese E-Mail. Äh … ernsthaft?

Ohne Anschrift? Ohne Telefonnummer? Ohne jegliche Information zur Person? Schulbildung? Alter? Na, dann antworte ich mal:

Guten Tag, mein Name ist Jan Mensing.
Wir bieten ausschließlich freie Ausbildungsplätze an. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen bereits vergebene Ausbildungsplätze nicht mehr anbieten können.
Unter unseren freien Ausbildungsplätzen könnte jedoch durchaus einer für Sie dabei sein, je nachdem, wonach Sie suchen.

Oder auch schön wäre:

Ja.

Meine Güte. Ich glaube wirklich, man kann die Arbeitslosenquote noch mal durch zwei teilen. Die eine Hälfte ist einfach zu blöd, sich zu bewerben. Selbst Schuld, Leistungen streichen. Echt jetzt. Aaaargh!

 

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Big ol‘ dirty Berlin

Zurück aus Berlin, zurück aus dem Pfingstwochenende. Vielleicht liegt’s am Alter, vielleicht liegt es an der anderen Sichtweise, weil ich mittlerweile Kinder habe, die selbst rumlaufen wollen, vielleicht ist es auch was ganz anderes, aber die Erkenntnis des Wochenendes ist: Berlin kannste mir auf den Bauch binden, ich will da nicht leben.

Leben beinhaltet ja meistens auch Wohnen. Selbst bei noch so schön renovierten Wohnungen in guter Lage, was nützt mir ein Fahrstuhl vom ersten bis zum vierten Stock, wenn ich im fünften residiere? Müsste ich täglich zwei Kinderwagen über diesen Höhenunterschied bewegen, ich liefe binnen Kürze Amok.

Unten im Treppenhaus kann man die Wagen schließlich nicht länger als eine Nacht lassen, ohne befürchten zu müssen, dass sie von Ratten zerfressen, von Idioten beschmiert oder Drogensüchtigen geklaut werden (Randnotiz Drogensucht: bei unserer Abreise beriet uns ein netter junger Mann am Gesundbrunnen bezüglich des besten Weges von dort zum Hauptbahnhof, tat’s, beugte sich vornüber und zog die Line von der Fensterbank der Fußgängerüberführung).

Darüber hinaus müsste man eigentlich den gesamten Wohnungsbestand Berlins einmal abreißen und neu bauen. OK, die hohen Decken dürfen gerne bleiben, aber ansonsten ist die Aufteilung des Wohnraums mit den erbärmlich nachgerüsteten Bädern, die kamen, als die Etagenklos außer Mode gerieten, und den prachtvoll auf Putz verlegten Leitungen und Rohren einfach nur für Studenten der unteren Semester erträglich.

Dazu die U-Bahn, die laut scheppernd um die Kurve fährt und dabei zu rufen scheint: „Das MUSS so laut. Ich bin die fucking U-Bahn, deal with it!“

Angeblich gibt’s in Berlin ja auch so viele Lastenräder. Abgesehen davon, dass ich nur eins gesehen habe, wo soll man damit fahren, und wohin? Und wo will man die Nachts parken, wenn man sie am nächsten morgen auch noch fahren will?

Und warum bleiben öffentliche Plätze unter zentimeterdicken Müllschichten liegen, garniert mit einer satten Prise scherben. Sind wir jetzt in Neapel oder was?

Und überhaupt, Dreck: in Berlin wird nirgendwo Feinstaub gemessen, weil die Messgeräte beim ersten mechanischen Atemzug aus Frust explodieren würden. Der am Boden niedergeschlagene Smog reicht aus, um ganze Salzminen schwarz auszukleiden, als dass sie da wirken würden wie Kohlegruben. Nach zwei Schritten barfuß sieht man aus wie Günther Kaufmann als Neger in einem der guten Otto-Filme: schwarze Kopf, schwarze Bauch, schwarze Füß.

In Ermangelung ausreichender Quadratmeter für angemessenes Straßenbegleitgrün – das heißt übrigens wirklich so, städtebaulicher Fachjargon – kacken Berliner Hunde einfach mitten auf den Gehweg. Hurra!

Das Berlin so hip ist, dass es weh tut, weiß sogar die Zitty. Also, Berlin, sei mal weiter hip, aber ohne mich, ja? Danke.

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